1x05 · · 48 min · Auf Spanisch

1x05: Was Journalismus über Spaniens Startup-Ökosystem verrät

"Überzeugende Gründer teilen vier gemeinsame Eigenschaften, spanische Konzerne kaufen keine Startups wie ihre europäischen Pendants, und Journalismus wird mit zunehmend günstigerer Information nicht obsolet, sondern notwendiger."
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Gast

María José Gómez-Serranillos

Journalistin bei Expansión

María José Gómez-Serranillos berichtet seit über 20 Jahren für Expansión über Wirtschaft, Technologie und in den letzten fünf Jahren über das spanische Startup-Ökosystem. Sie hat hunderte von Gründerinnen, Investoren und Führungskräften interviewt und gilt als eine der versiertesten Stimmen zur gelebten Realität des Unternehmertums in Spanien.

Worum geht es in dieser Folge

María José Gómez-Serranillos berichtet seit über 20 Jahren für Expansión, die führende spanische Wirtschaftszeitung, über Unternehmen, Technologie und in den letzten fünf Jahren über das spanische Startup-Ökosystem. In dieser Folge wechselt sie die Seite: Sie stellt nicht Fragen, sondern beantwortet sie. Das Ergebnis ist ein offenes Gespräch darüber, was der Wirtschaftsjournalismus beobachtet, was die meisten Branchenanalysen verschweigen.

Das Gespräch dreht sich um drei Fragen, die selten direkte Antworten bekommen. Was unterscheidet Gründer, die überzeugen, von denen, die es nicht tun? Warum erwerben große spanische Konzerne keine Startups, während diese Praxis in anderen europäischen Ländern längst Standard ist? Und was erwartet den professionellen Journalismus in einer Welt, in der KI Informationen zu immer geringeren Kosten produziert?

Das sind keine abstrakten Fragen. Sie bestimmen, wie Unternehmen wachsen, wie Kapital fließt und ob das spanische Startup-Ökosystem den Wert, den es schafft, auch tatsächlich im Land hält.

Was überzeugende Gründer von anderen unterscheidet

Nach Hunderten von Interviews hat María José vier Eigenschaften identifiziert, die bei Gründern, die Nachhaltiges aufbauen, immer wieder auftauchen. Die erste ist Berufung: Unternehmertum muss von innen kommen, nicht aus einem Trend oder einer Gelegenheit. Viele Gründer beschreiben es als eine Art Sucht, einem Zug, dem sie nicht widerstehen können, selbst wenn ihr erstes Projekt scheitert. Wer es als Karriereoption behandelt, hält die schwierigen Phasen selten durch.

Die zweite Eigenschaft ist Leidenschaft, die im persönlichen Gespräch sichtbar wird. Wenn man einem Gründer begegnet, der von etwas spricht, an das er wirklich glaubt, ist diese Überzeugung nicht zu fälschen. Investoren, Journalistinnen und zukünftige Mitarbeitende nehmen das sofort wahr.

Die dritte ist Führungsfähigkeit. Nicht jeder ist eine gute Führungskraft, und die besten Gründer wissen das über sich selbst. Ein Team davon zu überzeugen, dass es sich lohnt, für ein halbfertiges Produkt in einem wettbewerbsintensiven Markt zu arbeiten, erfordert mehr als ein überzeugendes Pitch-Deck.

Die vierte Eigenschaft, vielleicht die am meisten unterschätzte, ist die Komplementarität im Gründerteam. Die Projekte, die María José am beständigsten wachsen sah, sind jene, in denen ein Gründer das Geschäft und die Skalierung versteht, ein zweiter technische Exzellenz mitbringt und ein dritter verkaufen kann. Wenn alle drei Fähigkeiten in einer Person liegen, ist die Obergrenze oft niedriger. Wenn sie in einem Team liegen, das einander vertraut, steigt sie.

Warum spanische Konzerne keine Startups kaufen

Eine der auffälligsten Beobachtungen in dieser Folge ist, dass María José keine einzige bedeutende Akquisition einer spanischen Startup durch einen großen spanischen Konzern nennen kann. Die erfolgreichen Exits im Ökosystem wurden von ausländischen Gruppen oder Private-Equity-Fonds getrieben. Talent und Innovation bleiben in Spanien, die Wertschöpfung fließt aber oft ins Ausland.

Das steht im scharfen Kontrast zu Deutschland, Frankreich oder den Niederlanden, wo große Unternehmen Startups regelmäßig akquirieren, um Fähigkeiten schnell ins Haus zu holen. In Deutschland etwa sind Startup-Akquisitionen durch Konzerne wie Siemens oder Bosch fester Bestandteil ihrer Innovationsstrategie, eine Praxis, die durch die Anforderungen des LkSG und der CSRD-Berichterstattung zur Lieferkettentransparenz zusätzlich an Bedeutung gewinnt. In Spanien hat sich die offene Innovation weiterentwickelt: Repsol, Telefónica und andere betreiben Programme, bei denen Startups mit ihren Teams zusammenarbeiten. Aber mit einem Startup arbeiten und es kaufen sind zwei sehr unterschiedliche Dinge.

Der spanische Startup-Gesetz (Ley de Startups) von 2023 war ein wichtiger Schritt: Sie definierte erstmals rechtlich, was ein Startup ist, und brachte verschiedene Ministerien hinter einem gemeinsamen Rahmen zusammen. Was noch aussteht, ist ein Wandel im Akquisitionsappetit der großen Unternehmen. Für Innovationsteams, die intern für Startup-Akquisitionen argumentieren möchten, bietet dieses Gespräch einen nützlichen Ausgangspunkt.

Die Zukunft des Journalismus in einer KI-Welt

Juanjo formuliert das zentrale Paradoxon der Folge: Wenn KI Informationen schneller und billiger produzieren kann als jede Redaktion, wozu braucht man noch Journalismus? María José Antwort ist unmittelbar: den menschlichen Anteil.

KI kann aggregieren, zusammenfassen und sogar schreiben, aber sie kann nicht eine Quelle anrufen, ein Gerücht mit zwei unabhängigen Kontakten überprüfen oder entscheiden, welche der fünfzig Nachrichten eines Montags tatsächlich wichtig ist. Das sind keine vorübergehenden technischen Grenzen. Sie spiegeln ein Urteilsvermögen wider, das durch jahrelange Beobachtung desselben Sektors entsteht.

Cristina fügt eine kontraintuitive Beobachtung aus dem Radar hinzu: Je mehr Informationen es gibt, desto wertvoller wird die Fachkraft, die das Wichtige vom Rauschen trennen kann. Die Aufgabe des Journalismus ist nicht, mehr Informationen zu produzieren, sondern die Kosten zu senken, herauszufinden, welcher Information Aufmerksamkeit verdient. Angesichts der Flut regulatorischer Dokumente, die BAFA und BaFin jährlich veröffentlichen, ist diese Filterfähigkeit für Innovationsteams ebenso wertvoll wie für jede andere Zielgruppe.

News vom Radar

KI demontiert die Hierarchie, die Unternehmen in 3.000 Jahren aufgebaut haben. Cristina eröffnet die Folge mit einem Blogbeitrag von Jack Dorsey, CEO von Block, der sich auf eine Sequoia-Capital-Analyse der Unternehmenshierarchie vom Römischen Reich bis zur modernen Firma stützt. Das Argument: Mittlere Führungsebenen existieren hauptsächlich, um den Informationsfluss zu kontrollieren, und KI übernimmt diese Arbeit zunehmend. Cristina ist skeptisch: Block entließ zum Zeitpunkt des Beitrags rund 50 Prozent seiner Belegschaft, und die Grenze zwischen strategischer Umstrukturierung und AI-Washing ist schwer zu lesen.

Gore-Tex und Mondragón als alternative Modelle. Juanjo verweist auf W. L. Gore, das seit Jahrzehnten ohne mittlere Führungsebene arbeitet und jede Einheit auf 100 Personen begrenzt. Mondragón, die baskische Genossenschaft, bietet ein anderes Modell: Miteigentümerschaft, die Anreize in der gesamten Organisation ausrichtet. Beide Fälle deuten darauf hin, dass die entscheidende Frage nicht ist, ob KI die Unternehmensstruktur verändert, sondern welche der alternativen Strukturen, die immer schon existiert haben, endlich mehr Sinn ergeben werden.

Spaniens Startup-Ökosystem wächst über Madrid und Barcelona hinaus. María José nennt Valencia mit Lanzadera, Anges und Draper; das Baskenland mit seiner Anwendung von Technologie im Industriebereich; Galicien und Málaga als wachsende Hubs. Die Diversifizierung ist ein Gesundheitszeichen. Aber sie erhöht auch die Folgen der Akquisitionslücke: Wenn in ganz Spanien gute Startups entstehen und die großen spanischen Konzerne sie weiterhin nicht kaufen, werden die Erträge dieser verteilten Innovation weiter ins Ausland fließen. Sprechen Sie mit Dcycle, wenn Sie verstehen möchten, wie Nachhaltigkeitsdaten Ihrem Team bei der Bewertung und Zusammenarbeit mit Technologiepartnern helfen können.