Deutschland ist die größte Fertigungswirtschaft in der Europäischen Union. Branchen wie Automobil (Volkswagen, BMW, Mercedes-Benz), Chemie (BASF, Bayer), Maschinenbau (Siemens, ThyssenKrupp) und viele weitere Mittelständler stehen vor einer der bedeutendsten regulatorischen Herausforderungen der letzten Jahrzehnte: der CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive). Wer die Nachhaltigkeitsberichterstattung in der Produktion frühzeitig strategisch angeht, verschafft sich einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil.
Dieser Leitfaden erklärt, was die CSRD für den Fertigungssektor konkret bedeutet, welche ESRS-Standards besonders relevant sind, und wie Sie die Umsetzung Schritt für Schritt angehen.
Was ist die CSRD und warum betrifft sie die Fertigung
Die Corporate Sustainability Reporting Directive ist eine EU-Richtlinie, die Unternehmen verpflichtet, detaillierte Nachhaltigkeitsinformationen nach den European Sustainability Reporting Standards (ESRS) offenzulegen. Im Gegensatz zur Vorgängerregelung (NFRD/CSR-RUG) ist die CSRD erheblich umfassender: Sie betrifft deutlich mehr Unternehmen, verlangt tiefere Daten und schreibt eine externe Prüfung vor.
Für den Fertigungssektor ist die CSRD aus mehreren Gründen besonders relevant:
Erstens sind Fertigungsunternehmen typischerweise für einen erheblichen Teil der industriellen CO2-Emissionen Deutschlands verantwortlich. Zweitens haben sie komplexe globale Lieferketten, die unter die erweiterten Berichtspflichten fallen. Drittens sind viele ihrer Kunden selbst CSRD-pflichtig und werden zunehmend Nachhaltigkeitsdaten von ihren Zulieferern einfordern. Wer jetzt nicht handelt, riskiert, aus Lieferketten ausgeschlossen zu werden.
Doppelte Wesentlichkeit: der Kern der CSRD
Das zentrale Konzept der CSRD ist die doppelte Wesentlichkeit (Double Materiality). Fertigungsunternehmen müssen zwei Dimensionen analysieren:
- Inside-Out (Auswirkungswesentlichkeit): Wie beeinflusst Ihr Unternehmen Umwelt und Gesellschaft? Emissionen, Ressourcenverbrauch, Arbeitsbedingungen in der Lieferkette.
- Outside-In (Finanzwesentlichkeit): Wie beeinflussen Nachhaltigkeitsfaktoren die finanzielle Lage Ihres Unternehmens? Klimarisiken, regulatorische Anforderungen, Reputationsrisiken.
Die doppelte Wesentlichkeitsanalyse ist keine einmalige Übung, sondern ein kontinuierlicher Prozess, der regelmäßig überprüft und dokumentiert werden muss.
Wen betrifft die CSRD im Fertigungssektor
Die CSRD gilt in ihrem Endausbau für:
Große Unternehmen (Welle 1 und 2):
- Börsennotierte Unternehmen und Unternehmen des öffentlichen Interesses mit mehr als 500 Mitarbeitern: berichtspflichtig ab FY2024
- Andere große Unternehmen, die mindestens 2 von 3 Kriterien erfüllen (≥250 Mitarbeiter, ≥€50M Umsatz, ≥€25M Bilanzsumme): berichtspflichtig ab FY2027 (nach “Stop-the-Clock”-Beschluss)
Muttergesellschaften und Konzerne: Muttergesellschaften können für ihre Tochterunternehmen konsolidiert berichten. Tochterunternehmen sind dann von der eigenen Pflicht befreit, sofern sie im Konzernbericht enthalten sind.
Drittlandgruppen: Nicht-EU-Fertigungskonzerne mit mehr als €150M EU-Umsatz und einer EU-Tochtergesellschaft unterliegen ab FY2028 ebenfalls der CSRD.
Wichtiger Kontext für Deutschland: Viele große deutsche Fertigungsunternehmen sind bereits durch das LkSG (Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz) zur Lieferketten-Due-Diligence verpflichtet. Das LkSG gilt für Unternehmen mit mehr als 3.000 Mitarbeitern seit 2023 und mit mehr als 1.000 Mitarbeitern seit 2024. In einigen Aspekten ist das LkSG sogar anspruchsvoller als die CSRD, da es konkrete Sorgfaltspflichten und Sanktionen vorsieht. Die bestehenden LkSG-Prozesse können als solide Grundlage für die CSRD-Vorbereitung dienen.
ESRS-Anforderungen für Fertigungsunternehmen
Die ESRS-Standards decken ein breites Spektrum an Nachhaltigkeitsthemen ab. Für den Fertigungssektor sind folgende Standards besonders relevant:
Umweltstandards (ESRS E-Serie)
ESRS E1: Klimawandel ist für die meisten Fertigungsunternehmen der wichtigste Standard. Er umfasst:
- Vollständige Treibhausgasbilanz nach dem GHG Protocol: Scope 1 (direkte Emissionen aus Produktion), Scope 2 (eingekaufte Energie), Scope 3 (Lieferkette, Produktnutzung, End-of-Life)
- Klimaziele und Dekarbonisierungspfad
- Klimarisiken und -chancen (physisch und transitorisch)
- Energieverbrauch und Energiemix
ESRS E2: Umweltverschmutzung verlangt Angaben zu:
- Schadstoffemissionen in Luft, Wasser und Boden
- Verwendung gefährlicher Stoffe
- Besonders relevant für Chemieunternehmen und Metallverarbeitung
ESRS E3: Wasser und Meeresressourcen betrifft insbesondere wasserintensive Fertigungsprozesse. ESRS E5: Ressourcennutzung und Kreislaufwirtschaft ist für die Reduzierung von Produktionsabfällen, das Recycling von Materialien und die Verlängerung von Produktlebenszyklen relevant.
Soziale und Governance-Standards
ESRS S1: Eigene Belegschaft verpflichtet Fertigungsunternehmen zu umfassenden Angaben über ihre Mitarbeiter: Löhne, Arbeitssicherheit, Ausbildung, Diversität. In der Fertigung besonders relevant: Arbeitssicherheitskennzahlen (LTIFR, TRIR).
ESRS S2: Arbeitskräfte in der Wertschöpfungskette betrifft die Arbeitsbedingungen bei Lieferanten und Subunternehmern. Hier überschneidet sich die CSRD direkt mit dem LkSG: Deutsche Fertigungsunternehmen, die bereits LkSG-Risikoanalysen durchführen, können diese Daten für ESRS S2 nutzen.
ESRS G1: Unternehmensführung verlangt Transparenz über Antikorruptionsmaßnahmen, Lobbying und Steuertransparenz.
Umsetzungszeitplan für die Fertigung
Die Berichtspflichten folgen dem allgemeinen CSRD-Zeitplan:
- FY2024 (Veröffentlichung 2025): Welle-1-Unternehmen (große PIEs, >500 MA)
- FY2027 (Veröffentlichung 2028): Welle-2-Unternehmen (andere große Unternehmen, nach Verschiebung)
- FY2028 (Veröffentlichung 2029): Börsennotierte KMU und Drittlandgruppen
Der “Stop-the-Clock”-Beschluss hat Welle 2 und 3 um zwei Jahre verschoben. Das Omnibus-Vereinfachungspaket könnte die Schwelle auf mehr als 1.000 Mitarbeiter anheben, ist aber noch nicht rechtskräftig.
5 Schritte zum Aufbau eines CSRD-Compliance-Systems für die Fertigung
Der Aufbau eines robusten CSRD-Systems ist kein Projekt, das man nebenbei erledigt. Planen Sie mindestens 12 bis 18 Monate ein:
Schritt 1: Doppelte Wesentlichkeitsanalyse Identifizieren Sie alle relevanten Nachhaltigkeitsthemen für Ihr Unternehmen. Befragen Sie interne und externe Stakeholder. Dokumentieren Sie die Ergebnisse sorgfältig.
Schritt 2: Gap-Analyse der vorhandenen Daten Vergleichen Sie die ESRS-Datenanforderungen mit Ihren vorhandenen Informationssystemen. Identifizieren Sie Lücken bei Energie-, Emissions- und Sozialdaten.
Schritt 3: Datenmanagementsystem implementieren Implementieren Sie eine automatisierte Datenerfassung, die Daten aus Produktionssystemen, ERP, Energiemanagementsystem und Lieferkettensystemen integriert.
Schritt 4: Lieferantenprogramm aufbauen Beginnen Sie, Nachhaltigkeitsdaten von Ihren wichtigsten Lieferanten einzufordern. Das LkSG-Programm kann als Ausgangspunkt dienen. Segmentieren Sie nach Risiko und Materialmenge.
Schritt 5: Berichterstattung und Prüfung vorbereiten Definieren Sie Ihren Berichtsprozess und benennen Sie Verantwortliche. Koordinieren Sie frühzeitig mit Ihrem Wirtschaftsprüfer die Anforderungen an die Limited Assurance.
Technologielösungen für die CSRD-Compliance in der Fertigung
Fertigungsunternehmen haben typischerweise komplexe IT-Landschaften mit mehreren ERP-Systemen, Produktionsleitsystemen (MES), Energiemanagementsystemen und Lieferantenportalen. Eine gute CSRD-Softwarelösung muss diese Komplexität bewältigen können.
Achten Sie bei der Auswahl auf:
- Schnittstellen zu SAP, Oracle oder Microsoft Dynamics
- Unterstützung des GHG Protocol für Scope-1-, 2- und 3-Emissionen
- Integration mit ISO-50001-konformen Energiemanagementsystemen
- Lieferantenportal für die Dateneingabe durch Zulieferer
- Multi-Framework-Berichterstattung (CSRD, LkSG, CDP, GRI)
5 häufige Fehler bei der CSRD-Umsetzung in der Fertigung
Fehler 1: Scope 3 unterschätzen Scope-3-Emissionen machen bei vielen Fertigungsunternehmen 80 bis 90 Prozent der Gesamtemissionen aus. Wer Scope 3 nicht von Anfang an plant, wird beim ersten Bericht böse überrascht.
Fehler 2: CSRD als reines IT-Projekt behandeln Die CSRD betrifft Einkauf, Produktion, HR, Finanzen und das Top-Management. Ohne cross-funktionale Governance scheitert die Umsetzung.
Fehler 3: Lieferanten zu spät einbeziehen Die Datenbeschaffung von Lieferanten ist der zeitaufwendigste Teil. Beginnen Sie mindestens 18 Monate vor dem ersten Berichtsjahr.
Fehler 4: Auf das Omnibus-Paket warten Die Vereinfachungen sind noch nicht rechtskräftig. Unternehmen, die auf das finale Paket warten, riskieren, nicht rechtzeitig fertig zu sein.
Fehler 5: Wesentlichkeitsanalyse zu oberflächlich durchführen Eine unvollständige Wesentlichkeitsanalyse gefährdet die gesamte Berichterstattung. Investieren Sie ausreichend Zeit und Ressourcen in diesen Prozess.
Empfehlungen vor der CSRD-Umsetzung
Vor der eigentlichen Implementierung sollten Sie:
- Das Management-Commitment sicherstellen: CSRD braucht Unterstützung von CFO und CEO
- Eine klare Governance-Struktur definieren: Wer ist verantwortlich, wer liefert Daten?
- Den LkSG-Status prüfen: Besteht bereits ein LkSG-Programm, das als Basis dienen kann?
- Eine Pilot-Wesentlichkeitsanalyse mit einem Workshop durchführen
- Externe Beratungsunterstützung für die ersten Monate einplanen
Warum Dcycle die beste Lösung für CSRD im Fertigungssektor ist
Dcycle ist die führende ESG-Software für Unternehmen, die eine vollständige und prüfbare CSRD-Berichterstattung benötigen. Für Fertigungsunternehmen bietet Dcycle:
- Vollständige ESRS-Abdeckung aller relevanten Standards für die Industrie, inklusive sektorspezifischer Anforderungen
- Schnittstellen zu SAP und anderen ERP-Systemen, um Produktions- und Energiedaten automatisch zu integrieren
- Integriertes LkSG- und CSRD-Modul, das die bereits bestehenden LkSG-Daten für die CSRD-Berichterstattung nutzt
- Vollständige CO2-Fußabdruckanalyse nach GHG Protocol für alle drei Scopes
- Prüfungsfähige Dokumentation mit lückenlosem Audit-Trail
Starten Sie jetzt mit einer kostenlosen Demo und erfahren Sie, wie Dcycle Ihrem Fertigungsunternehmen hilft, CSRD-konform zu werden.
Häufig gestellte Fragen
Gilt die CSRD für alle Fertigungsunternehmen in Deutschland? Nein. Die CSRD gilt zunächst für große Unternehmen nach den EU-Kriterien (≥250 MA, ≥€50M Umsatz, ≥€25M Bilanzsumme, 2 von 3). Börsennotierte KMU folgen später. Viele mittelständische Familienbetriebe sind möglicherweise nicht direkt berichtspflichtig, werden aber indirekt über die Lieferkette betroffen sein.
Wie hängen CSRD und LkSG zusammen? Das LkSG verpflichtet größere deutsche Unternehmen zur menschenrechtlichen und umweltbezogenen Sorgfalt in der Lieferkette und ist in Teilen anspruchsvoller als die CSRD. Die CSRD ergänzt das LkSG durch umfassende Berichtspflichten. Die CSDDD (Corporate Sustainability Due Diligence Directive) wird mittelfristig das LkSG auf EU-Ebene ablösen oder ergänzen.
Welche ESRS-Standards sind für die Fertigungsindustrie am wichtigsten? Die wichtigsten Standards sind ESRS E1 (Klimawandel und Emissionen), ESRS E2 (Umweltverschmutzung), ESRS S1 (eigene Belegschaft), ESRS S2 (Lieferkette) und ESRS G1 (Unternehmensführung). Sektorspezifische Standards für die Fertigung befinden sich noch in der Entwicklung.
Müssen Zulieferer von CSRD-pflichtigen Unternehmen ebenfalls berichten? Zulieferer sind nicht direkt CSRD-pflichtig, es sei denn, sie erfüllen die Schwellenwerte selbst. Jedoch werden CSRD-pflichtige Kunden zunehmend Nachhaltigkeitsdaten von ihren Zulieferern einfordern, um ihre eigene Scope-3-Berichterstattung zu erfüllen.
Was kostet die CSRD-Vorbereitung? Die Kosten variieren stark je nach Unternehmensgröße und bestehendem Reifegrad. Kleine Welle-2-Unternehmen können mit 50.000 bis 150.000 Euro für Beratung, Software und interne Ressourcen im ersten Jahr rechnen. Für große Konzerne können die Kosten deutlich höher liegen.